Schwierige  Zeiten in Brasilien

Schwierige Zeiten in Brasilien

In den letzten Wochen waren wieder einmal schlimme Neuigkeiten aus Brasilien zu lesen. Wieder einmal ging es um Rio de Janeiro bzw. um die Favelas in Rio de Janeiro. Videos mit anhaltenden Schusswechsel aus dem dicht besiedelten Stadtteil waren im Internet zu finden, das Militär fuhr mit Panzern auf und besetzte die Armensiedlung. Dieser Bilder scheinen zu Rio de Janeiro zu gehören wie der Zuckerhut und Karneval, aber worum geht es in diesen Auseinandersetzungen eigentlich?

Die Drogengangs und Rio de Janeiro

Wie häufig, wenn man verstehen möchte, was in Brasilien passiert, ist „The Intercept“ eine hervorragende Quelle. Der sehr gute informierte Misha Glenna – Autor von „Nemesis“, einer detailreichen und spannenden Dokumentation über einen der Anführer einer Drogengang in der Favela Rocinha – beschreibt was passiert ist: ein Kampf um die Macht in der Drogenorganisation wird in der Favela geführt, die von der Drogenorganisation beherrscht wird. Die fast 100.000 Bewohner des Stadtteils, der noch vor wenigen Jahren als „befriedet“ galt, leiden am meisten unter den Kämpfen. Und selbst der erneute Einsatz von Militär – auch in Brasilien das Eingeständnis der Polizei, dass man der Lage in der eigenen Stadt nicht mehr gewachsen ist – wird auf Dauer nicht helfen, um für Rocinha zu und seine hauptsächlich armen Bewohner Ruhe und Frieden zu bringen.

Der Kampf um Drogen

Der Gründer von The Incercept, Glenn Greenwald und sein Partner David Miranda erweitern den Blick und fragen nach den Gründen für die Brutalität der Auseinandersetzungen einerseits, und die große Macht der Drogengangs auf der anderen Seite. In den vielen und mitunter riesigen Armenvierteln von Rio de Janeiro regieren nach kurzen Phasen der „Befriedung“ heute wieder Drogengangs. Wobei der „Frieden“ oft nur von der politischen Seite so gesehen und benannt wurde, und die Bewohner dieser Favelas dann häufig anstatt von einer Drogengang, von korrupten Polizisten beherrscht wurden. Die Macht der Drogengangs in der Favela sichert die Lieferwege der Drogen nach Rio de Janeiro und von dort in viele Teile der Welt, aber die Hauptkonsumenten der Drogen befinden sich auch in Rio de Janeiro in den reicheren Stadtvierteln, die oft – und wie am Beispiel von Rocinha gut zu sehen – direkt neben den Favelas liegen. Weniger überraschend aber um so überzeugender zeigen Greenwald und Miranda, dass der Kampf gegen die Drogen nicht nur längst verloren ist, sondern genau diese Gewalt erst produziert, die gerade mit Militäreinsatz wieder zu kontrollieren versucht wird. Sie beschreiben auch kurz, dass es funktionierende Alternativen zur Kriminalisierung von Drogen gibt.

Der Kampf um Brasilien

João Filho geht ebenfalls im Intercept noch weiter und zeichnet ein ganz düsteres Bild von der Zukunft Brasiliens, das er unter einer reaktionären und vor allem evangelikalen Welle versinken sieht. Mit einem Kandidaten für die nächste Präsidentenwahl, neben dem Donald Trump wohlerzogen und gemäßigt erscheint, dem zunehmendem Einfluss von ultra-konservativen Politikern im ganzen Land und einer wachsenden Gruppe von Brasilianern, die sich dann sogar die niemals vollständig aufgearbeitete Zeit der Militärdiktatur zurück wünschen, scheint für Brasilien die Zeit der Ruhe und der Hoffnung in weiter Ferne. Die (politischen) Kämpfe werden härter und extremer und die Kommentare zu den o.g. Artikeln auf The Intercept zeigen dies leider zu gut.

Foto von ogwen: http://www.panoramio.com/photo/66712124

Der Februar in Brasilien ist der Monat von Iemanjá

Der Februar in Brasilien ist der Monat von Iemanjá

Auf dem Papier ist die Sache mit den Religionen in Brasilien klar. Brasilien ist ein katholisches Land. Ein sehr katholisches Land sogar. Nach der letzten großen Datenerhebung des Instituts für Geographie und Statistik aus dem Jahr 2000 sind beinahe 75% der Menschen in Brasilien katholisch (und das leider auch mit den negativen Folgen, die zu viel Katholizismus mit sich bringt, wie bspw. das fehlende Recht auf sexuelle Selbstbestimmung von Frauen usw). Weiter 15% sind Anhänger einer protestantischen Kirche und 7,3% geben „keine Religion“ als ihren Glauben an. Die restlichen Religionen sind Spiritismus 1,6%, andere Christen 1%, Umbanda 0,3%, Buddhismus 0,15%, Candomblé 0,8, dann erst folgt Judentum und Islam und die weiteren – sie alle scheinen im Vergleich zu den beiden großen christlichen Religionen unbedeutend. Aber wie so häufig sind die Dinge in Brasilien nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Als ich an einer Englisch-Schule in Brasilien Konversationskurse in Englisch unterrichtete, gab es zwei Gesprächsthemen, die laut Arbeitsanweisung der Schule unbedingt zu vermeiden waren: Religion und Politik. Man befürchtete ein zu großes Konfliktpotential. Aber viele Brasilianer reden ohne Bedenken und ohne große Scham über ihre Religion. Und dabei wird schnell klar, dass Religion in Brasilien ein faszinierendes und vor allem vielschichtiges Thema ist. Denn auch für Religion gilt in diesem Land: es ist eine faszinierende Mischung.

Da war zum Beispiel ein junger Betriebswirt, Controller in einem mittelständischen Unternehmen, der häufig sagte, dass er auf Gott vertraue, ihn bei schwierigen Entscheidungen in seinem Leben zu helfen. Dieser Gott war ein eher katholischer Gott, denn die Familie ging regelmäßig in die Kirche, aber eigentlich war der Mann Spiritist, wie er mir in späteren Gesprächen erklärte, sein Vater war sogar ein spiritistisches Medium und stand häufig mit den Geistern Verstorbener in Kontakt, die ihm Informationen übermittelten. Da war auch ein etwas vierzigjähriger Angestellter, Mitglied einer evangelikalen Kirche, der mit großem Ernst und Ehrfurcht davon sprach, wie er als Kind im Badezimmer seiner Großmutter in Bahia den Teufel gesehen hatte, nur dass dieser Teufel gar kein christlicher Teufel war, sondern direkt aus einer der afrobrasilianischen Religion zu stammen schien, wie sie im Nordosten Brasiliens häufiger vertreten sind.

Auch viele der wenig oder gar nicht praktizierenden Christen springen zu Silvester (und manchmal auch im Februar) über sieben Wellen und sie besitzen ihren Orixá – das sind die Götter oder Ahnengeister aus den afroamerikanischen Religionen wie dem Candomblé und der Umbanda- Jedem Menschen offenbart sich einer der Orixás als „sein“ Gott und in den Trancezuständen der Eingeweihten ist es genau dieser Gott, den der Gläubige in seinem Trancezustand verkörpert. Im alltäglichen und weniger religiösen Leben sind die Orixas dann häufig so etwas wie ein Schutzgeist ode rSeelenverwandter.

Und nicht zuletzt ist da die Familie, die alle ihre Kinder katholisch taufen lässt, aber nicht aus einem christlichem Glauben heraus, sondern aus einem alten Aberglauben heraus, weil vor einigen Generationen ein ungetauftes Baby der Familie überraschend verstorben war, während das getaufte aber kranke Kind zu aller Überraschung überlebte. All das zeigt, wie sich in der brasilianischen Kultur Religionen häufig nicht gegenseitig ausschließen: Viele Anhänger eine christlichen Religion nehmen auch regelmäßig oder gelegentlich an den Ritualen des Candomblé und Umbanda teil, die inzwischen sogar ein wichtiger Bestandteil brasilianischer Folklore und Identität geworden sind.

Aus diesem Grund war ich auch nicht überrascht, wenn ich im Februar in der frühen Nacht am Strand von Santos joggen ging und einer Gruppe weiß gekleideter Menschen ausweichen musste, die mit Kerzen ein Areal im Strand abgesteckt hatten, Lieder sangen und später zusammen einige Schritte ins Wasser hinein liefen um ein kleines Boot mit Blumen ins Meer hinaus zu schieben – ein Geschenk an Iemanjá (auch Yemaná oder Iemojá), die Göttin (Orixá) des Meeres und der Mutterschaft.

Iemanjá, die Göttin des Meeres, wird in Brasilien auch an Silvester geehrt, wenn viele Brasilianer das neue Jahr ganz selbstverständlich am Meer mit sieben Sprüngen über sieben Wellen und einer kleinen Blumengabe ins Wasser beginnen. Nicht selten ist der Strand später mit Blumensträußen und Rosen übersät, die wieder ans Ufer zurück gespült wurden – eigentlich ein schlechtes Omen, denn es zeigt, dass Iemanjá das Opfer nicht angenommen hat.

Der offizielle Feiertag für Iemanjá ist aber nicht Silvester, er liegt im Februar. Im Candomblé ist es der 2. und im Umbanda der 15. Februar und diese Tage werden nicht nur im stark afrobrasilianisch geprägten Nordosten mit riesigen Feiern begangen, wie diese beeindruckenden Bilder aus Salvador zeigen. Auch im Südosten, z.B. in Rio, in Sao Paulo etc. wird Iemanjá gefeiert.

In Salvador ist das Fest der Iemanjá einer der populärsten und wichtigsten Feiertage des Bundesstaats Bahia. Jedes Jahr versammeln sich einige hundertausend Gläubige in weißer oder blauer Kleidung am Strand, übergeben ihre Opfergaben dem Wasser oder Fahren in Booten hinaus auf das Meer um dort da gleiche zu tun. Dabei werden von einzelnen Rosen bis zu riesigen Blumengestecken, Champagnerflasche oder sogar Schmuck für die Meeresgöttin geopfert, in der Hoffnung auf ein entsprechend gutes Jahr.

Und Brasilien wäre nicht Brasilien, wenn es nicht auch Menschen gäbe, die einen Weg gefunden haben, diese farbenfrohe Tradition zu ihrem persönlichen Vorteil zu nutzen. Der Iemanjá-Pirat ist ein älterer Herr aus Bahia, der nach den Festtagen mit Schnorcheln, Taucherbrille und Bleigürtel auf dem Meeresgrund auf die Suche geht nach allem, was er verwerten und verkaufen kann. Angesprochen, ob sein Tun nicht ein Ausdruck mangelnden Respekts gegenüber der Religion und den Traditionen Bahias ist, antwortete er. „Junger Mann, mangelnder Respekt ist es, das Meer auf diese Weise zu verschmutzen. Warum geben diese Leute, die sich religiös nennen, das Zeug nicht einfach an die Armen?“ Das ist nicht von der Hand zu weisen. Und ganz neutral betrachtet, ist es eine Situation, die allen Beteiligten hilft, entweder mit der Hoffnung auf ein gutes nächstes Jahr, oder mit einer kleinen Anschubfinanzierung für eben dieses Jahr. Iemanjá scheint es nicht sonderlich zu stören..

Iemanjás Tag

Foto von Lorena Brandz auf Flickr. CC BY 2.0

Gewaltexzesse und Militär auf den Straßen in Espírito Santo

Gewaltexzesse und Militär auf den Straßen in Espírito Santo

Gerade wurde das brasilianische Militär in den Bundesstaat Espírito Santo gerufen, um dort wieder Ruhe herzustellen. Es wird über mehr als 75 Tote, Gewaltexzesse und Plündereien im Verlauf des letzten Wochenendes berichtet. (Hier ein Artikel in Englisch) Was ist passiert?

Die Unruhen begannen, nachdem bekannt wurde, dass die Polícia Militar nicht mehr aus ihren Polizeistationen und Kasernen ausrückt – sie ist für Präsenz auf der Straße und Verbrechensverhinderung zuständig. Warum rücken die Polizisten nicht aus? Weil vor den Toren der Polizeistationen Demonstranten stehen und sie daran hindern. Diese Demonstranten sind Angehörige der Polizisten, die mit dieser Demonstration einen höheren Lohn der Polizisten erzielen wollen. Das ist geschickt gedacht, denn brasilianische Polizisten dürfen selbst nicht streiken, aber sie lassen sich von den teilweise wenigen Demonstranten offensichtlich gerne davon abhalten, auf die Straßen zu gehen. Und die Forderungen der Angehörigen scheint absolut berechtigt, denn die Militärpolizisten verdienen sehr wenig bei einem hohen Risiko für Leib, Leben und Familie. In Espirito Santo wurden die Gehälter der Polizisten seit 4 Jahren nicht mehr angehoben, und das bei einer jährlichen Inflationsrate zwischen 6% und 11% !

So bereitwillig die Polizisten sich davon abhalten lassen, auf die Straßen zu gehen und so verständlich ihre Forderungen sind …. äh, die der Angehörigen, so katastrophal sind die Auswirkungen. In dem von einer massiven Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit gebeutelten Land haben wenige Tage ausgereicht, um die öffentliche Ordnung teilweise aufzulösen. In vielen Orten haben Schulen, Krankenhäuser und Geschäfte geschlossen. Busse fahren in einigen Orten nach 16 Uhr nicht mehr. Ob die 200 abgestellten Soldaten die Ordnung wieder herstellen werden, darf bezweifelt werden. Das eigentlich erschreckende ist aber, wie schnell ganze Städte im Chaos versinken können, wenn die Androhung von Bestrafung nicht mehr vorhanden ist.

Foto: Avenida do Centro, Vitória, ES. Von Isabela Bessa auf Flickr.
Rechte: CC-BY-NC 2.0

Und in Brasilien? Schlimme Zeiten.

Und in Brasilien? Schlimme Zeiten.

Bevor ich mich vor Trump und seinen europäischen wie südamerikanischen Doppelgängern und der Schlechtigkeit der Weilt generell in Weltflucht stürze und nur noch über die schönen Seiten von Brasilien schreiben werde, gibt es diesen Monat noch einmal einen Blick auf das hässliche Gesicht dieses zwiespältigen Landes. Ein Blick auf das, was man in letzter Zeit in unseren Medien über Brasilien lesen konnte.

Zuerst sind da erneute Gefängnisaufstände in Manaus und anderen Orten im Norden des Landes. Wieder waren sie blutig und äußerst gewalttätig. Es ist ein altes Thema und es wird nicht besser. Neu ist allerdings, dass seit kurzem das Militär eingreifen darf und in die Gefängnisse einmarschieren darf. So verzweifelt ist die Situation also. Seit Jahresbeginn hat es schon mehr als 100 Tote bei Revolten und Bandenkämpfen in brasilianischen Gefängnissen gegeben. (Und nur zur Erinnerung: das sind gerade einmal ein paar Wochen!!)

Das zweite, traurige Thema, das es hier in Deutschland ab und zu in die Medien schafft: Brasilien erlebt eine gewaltige wirtschaftliche Rezession. Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie schon seit Jahren nicht mehr, die Silvesterfeiern in vielen Städten sind aufgefallen und selbst die Karnevalsveranstaltungen werden in einigen Städten abgesagt. Der Staat Rio de Janeiro ist pleite und hat seine Lehrer seit vielen Monaten nicht bezahlt. Gerade wurde mit der Bundesregierung ein Plan ausgehandelt, wie dem Staat geholfen werden kann, leider sind dabei nur Austeritätsmaßnahmen heraus gekommen. Im ganzen Land haben Studenten Universitäten besetzt, um gegen das wirtschaftliche, vor allem aber politische Chaos zu demonstrieren. Und derweil versinkt Brasilien in einer ebenfalls schlimmen, politischen Rezession.

Der derzeitige Präsident Michel Temer ist nach einem Amtsenthebungsverfahren gegen die gewählte Präsidentin Dilma Roussef ins Amt gekommen, das man nur als Schmierentheater bezeichnen kann. Offiziell wurde die Absetzung vom Dilma mit dem Kampf gegen Korruption begründet – das war über Monate lang der gängige Narrativ – um dann mit Temer einen Mann zum Präsidenten zu bestimmen, der nachweislich Spendengelder missbraucht hat und von Wahlen für politische Ämter für die nächsten Jahre ausgeschlossen ist. Schlüsselfigur in dem Amtsenthebungsverfahren war Eduardo Cunha, der das Verfahren gegen Dilma als Druckmittel nutzte, um ein Ermittlungsverfahren wegen Korruption gegen ihn selbst zu verhindern. Sein Plan ist nicht aufgegangen, Cunha sitzt derzeit im Gefängnis.

Die ungewählte Regierung Temer versucht derweil in den zwei Jahren bis zur nächsten Wahl so viel neoliberale Politik umzusetzen, wie möglich. Staatskonzerne sollen privatisiert, die Sozialausgaben für Jahrzehnte festgeschrieben werden. Es wird die übliche, neoliberale Agenda durchgenudelt: Privatisierung, Deliberalisierung, Rückbau von Umwelt- und Sozialstandards. Hauptnutznießer dieser „Reformen“ sind die alten, weißen, superreichen (und zum großen Teil korrupten) Männer der aktuellen Regierung.

Eine der wenig erfreulichen, politischen Geschichten aus Brasilien ist das Ermittlungsverfahren „lava jato“, das bereits zahlreiche Politiker und Wirtschaftsfunktionäre hinter Gitter gebracht hat. Der derzeit noch teilstaatliche Ölkonzern Petrobras hat in mehreren Ländern Vergleichen zugestimmt und Milliarden an Strafen gezahlt, weil die Vergabe von Aufträgen manipuliert war und damit Gelder in Wahlkampfkassen von Politikern umgeleitet wurden. Der Richter Sergio Moro aus Paraná, Kopf dieser Ermittlungen, macht seine Arbeit gut und gewissenhaft, ist aber weit davon entfernt, ein unparteiischer Kämpfer für Recht und Ordnung zu sein, wie er in vielen brasilianischen Medien dargestellt wird. Eine Rede von Moro in Heidelberg wurde von Protesten begleitet, weil im Einflussnahme auf das Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma vorgeworfen wird, so hat er kurz vor der Präsidentenwahl Tonbänder mit geheimen Telefonaufzeichnungen zwischen der Präsidentin und dem Expräsidenten Lula der Presse zu gespielt (gegen Lula wird ebenfalls wegen Korruption ermittelt). Moro steht der Partei von Expräsident Cardoso PSDB nahe und soll es selbst nicht allzu genau nehmen, wenn es darum geht, fremde Gelder auszugeben.

Um das Chaos perfekt zu machen, ist der Richter des obersten Gerichtshofes, der dem Anti-Korruptions-Verfahren „lava jato“ vorsitzt, vor kurzem bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Man muss nicht verrückt sein, um hier eine Verschwörung am Werke zu sehen.

Gibt es Lichtgestalten? Leider sieht es in Brasilien so schlimm aus, wie in den USA mit Trump. In Rio de Janeiro wurde gerade ein fundamentalistischer Evangelikaler zum Bürgermeister gewählt und mit Bolsonario steht ein ultra-nationaler Extremist in den Startlöchern, der die Folterer der brasilianischen Militärdiktatur lobt und einer Abgeordneten im Plenarsaal schon mal ins Gesicht sagt, dass sie es gar nicht wert sei, vergewaltigt zu werden. Nicht wenige Brasilianer sehen in ihm eine Art brasilianischer Donald Trump und wollen ihn wählen.

Und jetzt nicht ganz depressiv zu werden, zum Ende noch eine fröhlich/traurige Nachricht aus diesem riesigen Land voller Wunder: im Amazonas wurde vor kurzem ein indianischer Stamm aus einem Helikopter gesichtet, der vermutlich noch nie Kontakt zu Zivilisation außerhalb seines Urwaldes hatte. Und wenn man sich die anderen Nachrichten aus Brasilien anschaut, kann man sich kaum gegen den Gedanken wehren: die Glücklichen. Bilder der Glücklichen gibt es in einer kleinen Fotogallerie des Guardian.

Titelfoto von Rodrigo Soldon 2 auf Flickr

 

Und in Brasilien? … Ein Flugzeugabsturz und Korruption – das passt zusammen

Und in Brasilien? … Ein Flugzeugabsturz und Korruption – das passt zusammen

Ein kurzer Blick nach Brasilien und auf die Dinge, die dort gerade passieren.

Als am 29. November eine kleine Charter-Maschine auf dem Weg von Brasilien nach Kolumbien an einem Berg zerschellte und 71 Menschen in den Tod riss, war das ein Schock für ganz Brasilien. An Bord dieser Maschine befand sich fast das komplette Fußballteam von Chapecoense, dem brasilianischen Überraschungsteam der Saison, die gerade den Kampf um die Meisterschaft knapp verloren hatten und zum Finalspiel der Copa Sudamericana gegen Atletico Nacional nach Kolumbien reisten (das entspricht in Europa der Europa League). Die Sportwelt war geschockt, die Nation ebenfalls. Und während die Sportwelt mit beeindruckendem Fair-Play und Anteilnahme reagierte – Chapecoense wurde auf Antrag des Finalgegners posthum zum Copa-Sieger erklärt und erhält damit wichtige Gelder für den Neuanfang, brasilianische Clubs haben bereits zugesagt, dem Team kostenlos Spieler für die nächsten Jahre zur Verfügung zu stellen – hat das politische Brasilien wieder einmal seinen korrupten Charakter gezeigt. Noch während der landesweiten Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Flugzeugabsturzes wurde in einem Fall von beispiellosem Burying ein Gesetz gegen Korruption aufgeweicht.

Ein Großteil der Politiker in Brasilien gilt als korrupt und gegen viele Politiker wird aktiv ermittelt, so kam der Flugzeugabsturz gerade gelegen, um das geplante Gesetz gegen Korruption entscheidend zu beschneiden und im Gegenzug Strafen für allzu eifrige Richter und Ermittler aufzunehmen.

Bei der Untersuchung der Absturzursachen wurde derweil bekannt, dass das Flugzeug wegen fehlendem Treibstoff abgestürzt war und der Kapitän des Flugzeuges und Mitinhaber der Fluggesellschaft dies scheinbar auch mit voller Absicht getan hatte, um Kosten für Treibstoff zu sparen. Um das Chaos schließlich perfekt zu machen, hat eine Mitarbeiterin des Flughafens in Santa Cruz, Bolivien – von wo aus der Flug nach einem Zwischenstopp gestartet war – politisches Asyl in Brasilien beantragt, weil sie gegen den Flugplan der Maschine protestiert hatte – ihr war aufgefallen, dass der Flug weiter als die Maximalreichweite des Jets geplant gewesen war – ihre Warnung wurde aber nicht beachtet.

Derweil steigert sich auch das politische Chaos in Brasilien immer weiter. Nachdem Präsidentin Dilma Roussef bereits im Sommer in einem wenigstens zweifelhaften Amtsenthebungsverfahren kalt gestellt wurde, hat der ehemalige Vizepräsident und neue Regierungschef Temer eine Regierung alter, weißer und teilweise korrupter Männer um sich versammelt, um mit ihnen eine Austeritäts-Politik zu implementieren. Einer von Temers wichtigsten Verbündeten dabei, der Präsident des brasilianischen Senats Renan Calheiros, wurde am 5. Dezember wegen Veruntreuung von seinem Amt entfernt. Er war am 1. Dezember angeklagt worden, öffentliche Gelder für den Unterhalt einer unehelichen Tochter missbraucht zu haben, außerdem wird im Rahmen der Anti-Korruptions-Ermittlung „lava jato“ in 11 Fällen gegen ihn ermittelt. Die Amtsenthebung von Calheiros wurde damit begründet, dass niemand, der eines Verbrechens angeklagt ist, in der Amtsfolge des brasilianischen Präsidenten stehen dürfe – und da Brasilien derzeit nicht über einen Vizepräsidenten verfügt, war Calheiros als Präsident des Senats auf der 2. Position.

Allerdings sollte sich niemand zu früh über die Amtsenthebung Calheiros freuen. Denn nach dem Urteil eines Richters, ihn des Amtes zu entheben, hat Calheiros sich zunächst zwei Tage lang geweigert, die Papier zu unterschreiben, die ihn über diesen Vorgang informiert hätten. Und zwei Tage nach der Amtsenthebung hat der brasilianische Supreme Court Calheiros wieder in seine Funktion als Präsident des Senates eingesetzt, um ihn gleichzeitig aus der Amtsnachfolge des Präsidenten heraus zu nehmen.

Während die Regierung zufrieden ist, wird von der Opposition kritisiert, dass die Entscheidung hauptsächlich durch eine Kampagne der Medien und Finanzmärkte zustande gekommen ist, denn Calheiros wird benötigt um eine äußerst umstrittene Verfassungsänderung zu beschließen, mit der eine Ausgabengrenze für die Staatsausgaben auf Jahre hinaus festgeschrieben wird. Vor Weihnachten und den danach anschließenden Sommerferien will man in Brasilien noch schnell Tatsachen schaffen.

 

Brasilianische Gefängnisse – was ist da los?

Brasilianische Gefängnisse – was ist da los?

Gerade gibt es wieder eine Welle schlimmer Nachrichten aus brasilianischen Gefängnissen. Ich wurde gefragt, was denn da los ist, und ob ich ein wenig dazu schreiben könne, was in brasilianischen Gefängnissen los ist. Es ist ein frustrierendes Thema, aber bitteschön.

Vor einigen Tagen kam die Nachricht aus dem hohen Norden von Brasilien, aus Boa Vista, der Hauptstadt des Bundesstaats Roraima. Hier sollen in einer Haftanstalt 18 Häftlinge teils grausam ermordet worden sein und später ca. 100 Angehörige – meist Frauen – von Gefangenen als Geisel genommen worden sein, bevor diese von einer Eliteeinheit der Polizei befreit werden konnten.Nur nebenbei wurde erwähnt, dass bei einer Revolte in einem Gefängnis in Porto Velho im Bundesstaat Rondônia – ebenfalls im Norden von Brasilien – acht weitere Häftlinge starben.

Dann gab es schlechte Nachrichten aus dem Bundesstaat São Paulo. Im Hospital des Gefängnisses von Franco da Rocha war es zu einem Aufstand gekommen, in dessen Verlauf Teile der Gebäude in Brand gesetzt wurden und auch der angrenzende Wald im Staatspark zu brennen begann. Im allgemeinen Chaos konnten 55 Inhaftierte flüchten – von denen bereits 50 wieder gefasst werden konnten.

Was ist da los in den brasilianischen Gefängnissen? Um das zu verstehen, muss man erst einmal alle „deutsche“ Vorstellungen von einem Gefängnis fallen lassen. Brasilien hat eine irrsinnig hohe Anzahl von Gefängnisinsassen, derzeit sollen es mehr als 622.000 sein, wobei die Gefängnisbauten aber nur für deutlich weniger Insassen eingerichtet sind. Und brasilianische Gefängnisse sind die Hölle, viele „normale“ Brasilianer haben gehörige Angst davor, auch nur eine Nacht in einem dieser Löcher zu verbringen. Die hygienischen Verhältnisse gelten als katastrophal, die Räume sind massiv überbelegt und das Ziel eines Gefängnisaufenthaltes ist nicht die Resozialisierung der Inhaftierten, sondern reine Abschreckung.

Manchmal wird behauptet, dass der Staat die Gefängnisse längst aufgegeben habe. Zwar gibt es vermeintlich progressive Versuche, bspw. kann für jedes gelesene Buch die Haftstrafe von Gefangenen um einige Tage reduziert werden, aber hierbei handelt es sich um Ausnahmen. Denn in den meisten Gefängnissen herrscht Korruption und Gewalt, oftmals durch die beiden großen Verbrecherorganisationen des Landes, Comando Vermelho (CV) und Primeiro Comando da Capital (PCC). Die Kriege zwischen diesen Organisationen werden innerhalb und außerhalb der Gefängnisse oft mit abscheulicher Grausamkeit geführt. (Kurzes Video der Euronews von 2014, wobei die Situation seitdem nicht besser geworden ist.) So sind zum Beispiel letzte Woche erst in der Millionenstadt Maceió, Hauptstadt des Bundesstaates Alagoas in Nordosten des Landes, wieder einmal Busse angezündet worden, eine bekannte Art der Kriegsführung dieser Organisationen.

Überbelegung, Korruption, Gewalt, Drogen, Rechtslosigkeit. Und das Schlimmste an diesen Nachrichten ist, dass diese Probleme in brasilianischen Haftanstalten seit Jahrzehnten bekannt sind. Carandiru ist zu einem Synonym dafür geworden – das ehemaligen Gefängnisses in São Paulo Stadt war berüchtigt für Gewalt, Bandenkriminalität, Drogen, Korruption und die Brutalität durch Wärter. 1992 kam es zu einem Aufstand in diesem riesigen Gefängnis, der von Spezialeinheiten der Polizei äußerst brutal niedergeschlagen wurde – weit über 100 Insassen starben damals, viele durch gezielte Gewald der Polizei. Das Massaker von Carandiru wurde verfilmt und beschreibt, auch wenn es ein extremer Fall ist, die Probleme der Gefängnisse in Brasilien, so wie sie auch heute noch existieren.

You can find an English version of this article over at Endless Summer.
Foto von Carol Garcia / AGECOM via flickr.

Für das regnerische Wochenende: Tapetenwechsel kostenlos

Für das regnerische Wochenende: Tapetenwechsel kostenlos

Um dieses kalte und regnerische Herbstwochenende erträglicher zu machen, gibt es Tapetenwechsel bis Sonntag bei Amazon kostenlos. Für umme, nix, nüscht, nada, nur Klicken muss man selbst. Und um Tee, Kaffee, Rotwein und Schokolade muss man sich selbst kümmern. Als kleinen Bonus – das sei noch angemerkt – bekommt auch Resonanzfrequenz geschenkt, wer eine Rezension für Tapetenwechsel bei Amazon lässt. Echt? Klar. Im Supermarkt hat die Weihnachtszeit schließlich auch schon angefangen.

Tapetenwechsel kostenlos gibt es vom 13.10. bis zum 17.10.

 

Tapetenwechsel kostenlos – Geschichten aus Berlin

Eine Sammlung von Kurzgeschichten über Menschen, die auf der Suche nach Veränderungen sind. Die meisten spielen im Berlin um die Jahrtausendwende, in einem Lebensgefühl, wo alles möglich schien und das meiste unfertig war. Ein Punk, der sich in ein mysteriöses Mädchen verliebt. Der Männerabend zweier Universitätsprofessoren. Eine kurze Affäre am Telefon. Ein desillusionierter Entwicklungshelfer in Kambodscha. Ein hysterischer Nachmittag gipfelt in einer Begegnung mit dem Gehstock von Stefan Heym in einer gesichtslosen Buchhandlung. Es sind Geschichten mit zarter Melancholie und manchmal hintergründigem, und manchmal brachialem Witz.

Und das sagen die bisherigen Leser:

 

Woanders weranders sein können. Freundschaft, Fußball mediterraner Exzess und die Erkenntnis: Die im Süden haben es drauf, besonders bei Schneeregen in Berlin und glänzenden Analogien zwischen dem Fußball und der Welt der Liebe, kurz vor der aufgehenden Sonne und dem Verlust der Muttersprache. Schöne Short Story.
… zarte, lustige, melancholische, vor allem aber hervorragende Geschichten.
Der Text ist wunderschön, leicht zu lesen und sprachlich ganz intensiv.
Tapetenwechsel – Geschichten aus Berlin

Tapetenwechsel – Geschichten aus Berlin

Tapetenwechsel ist erschienen! Es hat viel länger gedauert, als erwartet, aber das Leben hält manchmal Überraschungen bereit, auf die man nicht vorbereitet ist. Aber nun ist Tapetenwechsel endlich erschienen: Eine Sammlung von Kurzgeschichten über Menschen, die auf der Suche nach Veränderungen sind. Die meisten spielen im Berlin um die Jahrtausendwende, in einem Lebensgefühl, wo alles möglich schien und das meiste unfertig war. Ein Punk, der sich in ein mysteriöses Mädchen verliebt. Der Männerabend zweier Universitätsprofessoren. Eine kurze Affäre am Telefon. Ein desillusionierter Entwicklungshelfer in Kambodscha. Ein hysterischer Nachmittag gipfelt in einer Begegnung mit dem Gehstock von Stefan Heym in einer gesichtslosen Buchhandlung. Es sind Geschichten mit zarter Melancholie und manchmal hintergründigem, und manchmal brachialem Witz. Man kann den Band als eBook bei Amazon für 2,99 Euro bekommen und bald auch bei den anderen, üblichen Verdächtigen.

Dankeschön! Wer Tapetenwechsel rezensiert und mir per eMail den Link zur Rezension schickt, dem schicke ich als kleines Dankeschön „Resonanzfrequenz“ ganz kostenlos zu. Bitte angeben, ob ein ePub, Mobi oder PDF gewünscht ist.

Toller Norwegen-Krimi: Jo Nesbø – „Der Schneemann“

Toller Norwegen-Krimi: Jo Nesbø – „Der Schneemann“

Junge Frauen werden auf bestialische Weise getötet und es gibt keine Spur von einem Täter. Der emotional mitgenommene Kommissar und Gelegenheitsalkoholiker Harry Hole – bester Ermittler von Oslos Polizeibehörde und einziger Experte Norwegens für Serienkiller – kämpft sich mehr gegen als mit seinem Team durch die verwirrenden Details des Falls. Aber als er dem Mörder endlich auf die Schliche zu kommen scheint, muss er feststellen, dass er selbst schon längst in dessen Visier geraten ist. Am Ende kommt es zu einem teuflischen Wettrennen.

Der Schneemann“ ist ein kurzweiliges Buch, ein guter Krimi, das siebte Buch aus der Reihe um den norwegischen Ermittler Harry Hole und zugleich das erste aus dieser Reihe, das ich gelesen habe – was dem Lesespaß aber keinen Abbruch getan hat, eher im Gegenteil. Beim Lesen drängte sich der Eindruck auf, dass der bärbeißige, schlaue aber auch verschrobene Harry Hole etwas zu klischeehaft daher kommt und auf Dauer langweilig werden könnte.

Aber als erste Begegnung ist das Buch von Jo Nesbø gut gelungen. Es gibt erfrischende Perspektivwechsel und Cliffhanger, die nicht auf reine Effekte abzielen, sondern meist beiläufig daher kommen im nächsten Schritt auch schon wieder aufgelöst werden. Und selbst der Teilzeitalkoholiker Hole hat wunderbar überraschende Dialoge. Auch das Setting macht Spaß, der Krimi spielt an verschiedenen norwegischen Schauplätzen, hauptsächlich aber in Holes „Revier“ Oslo, wobei aber die Bezüge zu Norwegen nur dezent gesetzt sind und wegen des den Titel gebenden Schneemanns auch viel Sinn machen.

Ganz kurz: Sehr gerne gelesen. Kurzweiliger Norwegen-Krimi. Bei Amazon anschauen (Affiliate-Link).

Ein Wort zu viel (Brasilien-Thriller Bd. 3)

Ein Wort zu viel (Brasilien-Thriller Bd. 3)

Die Olympiade spült so viele Neuigkeiten über Brasilien in die deutschen Medien. Nicht alles davon ist positiv, so ist zum Beispiel die hohe Kriminalität ein Thema, nicht nur wenn gerade ein Goldmedalliengewinner überfallen wird und eine Pistole an seinen Kopf gehalten wird. Auch der dritte Band der Brasilien-Reihe startet mit einem Verbrechen, wieder ist es ein Mord, und diemal wird Tomás sogar erst Zeuge und dann noch eine Geisel. Über einen kurzen Umweg findet sich Tomás dann plötzlich in den Händen der mächtigsten Verbrecherorganisation von São Paulo. Derweil beginnt seine Frau Ana Clara alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Neuigkeiten über Tomás zu erfahren. Denn merkwürdigerweise interessieren sich die Medien ganz entgegen ihrer Gewohnheiten gar nicht für dieses Verbrechen.

„Ein Wort zu viel“ ist wieder mehr Thriller als Band 2 der Reihe – Das Gespenst von Anchieta – und es hat zwei reale Verbrechen zum Vorbild.

Eine Poesie des Verlierens – Jo McMillan „Motherland“ (dt. „Paradise Ost“)

Eine Poesie des Verlierens – Jo McMillan „Motherland“ (dt. „Paradise Ost“)

Dieses Buch war mein persönliches Lesehighlight des Jahres 2015. Das kann ich guten Gewissens sagen. Es passiert nicht oft, dass ich ein Buch nach jedem Kapitel zur Seite lege, um mir den Rest aufzusparen, weil ich nicht will, dass es schnell vergeht. „Motherland“ von Jo McMillan (deutsch: „Paradiese Ost„)ist so ein Buch. Und es ist eine ganz wunderbare Geschichte.

Da ist zum einen diese erfrischend andere Perspektive auf die deutsch-deutsche Geschichte. Die Protagonistin ist ein englisches Mädchen, ihre Mutter eine überzeugte Sozialistin die eingeladen wird, einen Sommer über zum in Potsdam Englisch zu unterrichten. Es ist genau das Gegenteil zur westdeutschen Perspektive, mit der ich aufgewachsen bin und die in etwa so aussieht: die DDR ist ein Unrechtsstaat, der seine Bewohner misshandelt. Für dieses Mädchen (und ihre Mutter) ist die DDR ein Sehnsuchtsort, so naiv die beiden auch sein mögen.

Viele Kinder und Jugendliche haben Sehnsuchtsorte, und oft geraten diese irgendwann mit der Realität aneinander. So ist auch „Motherland“ eine Coming-of-Age-Geschichte und eine sanfte Entzauberung, in der alles was England an Alternativen anzubieten hat, wenig lohnend erscheint. Selbst als jugendliche Sozialistin (und es gibt ein paar bizarr schöne Einblicke in die bürokratisierte Organisationsstruktur der West-Sozialisten) ist das Politische nicht so wichtig wie das Persönliche. Und die eigenen Gefühle.

Auch sprachlich macht „Motherland“ ganz viel Freude, was an der zärtlich-lakonischen Sprache und dem zurückhaltenden Humor der Autorin liegt, an Sätzen wie: „Mr Howard married Nancy when she was twenty-one and stayed with her until she collapsed like the capitalist system“ oder „like a woman raised from birth on thin borscht and firm belief.“ In England wurde dem Buch gleichzeitig vorgeworfen, linke Ideale zu verraten und die DDR zu idealisieren, wozu ein weitere, wunderbarer Satz aus „Motherland“ passt: „Nothing we do is without consequences. We must simply try to intend them.“

„Motherland“ oder „Paradise Ost von Jo McMillan ist ein humorvolles Buch über ein Leben auf der Verliererseite der Geschichte. Es beschreibt mit vielen faszinierenden Details und immer leicht melancholische ein ungewöhnliches Erwachsen-werden.

Im Dickicht von Louisiana – „The Glass Rainbow“ von James Lee Burke

Im Dickicht von Louisiana – „The Glass Rainbow“ von James Lee Burke

Das wunderbare an (m)einem Vorrat ungelesener Bücher ist der Überraschungseffekt. Selten kann man ja ganz naiv, ohne das angehäufte Vorwissen und die reiflich gebildeten Vorurteile in eine Geschichte eintauchen. Das fängt schon beim Autoren, dem Regisseur eines Filmes oder bei einem Setting an. Aber ich liebe diese Naivität und die Überraschungen, die sich mitunter daraus ergeben. Ich werde nie vergessen, wie ich die „Truman Show“ an Bord eines Flugzeugs zum ersten Mal sah, mir war die Geschichte komplett unbekannt und es war großartig, wie sich langsam alleine aufgrund der merkwürdigen Kameraeinstellungen das Gefühl einstellte, dass dieser Mann beobachtet wird. Jeder der die Geschichte der Truman Show kennt, wird diesen Effekt nicht mehr spüren, diese leichte Irritation, warum denn wohl gerade so ein merkwürdiger Blickwinkel aus dem Armaturenbrett des Autos gewählt wurde, die schleichende Vorahnung, die dann bestätigt wird. Und um weiter solche Erfahrungen zu machen, habe ich mir inzwischen einen beeindruckend großen Vorrat an ungelesenen Büchern angelegt, auf die ich bei Bedarf zurückgreifen kann. Manchmal ist es die Empfehlung eines Freundes, manchmal eine begeisterte Rezension oder eine Top-10-Liste, die mich verleitet. Zum Glück vergesse ich meistens, warum gerade dieses Buch in meinem Pool schwimmt. Das finde ich herrlich. Ich mag Geschichte am liebsten gut abgehangen.

„The Glass Rainbow“ von James Lee Burke ist so ein Fall, den ich naiv und ohne viel Vorwissen zu lesen begonnen habe. Die Sprachgewalt und die dichte Atmosphäre des Buches macht schnell klar, dass hier kein Anfänger schreibt. Aus der Konstellation der Figuren erahnt man, dass es auch nicht das erste Buch dieser Protagonisten ist. Nein. Es ist sogar bereits der achtzehnte Thriller mit Dave Robicheaux, einem Cajun-Polizist, Ex-Vietnam-Veteran und trockenem Alkoholiker in Acadiana, der Heimat der französischsprachigen Bevölkerung im Süden von Louisiana. Diese Heimat spielt eine zentrale Rolle in „The Glass Rainbow“, die verfallenen Südstaaten mit ihren Bräuchen und sozialen Zerwürfnissen, die Nähe zum Mississippi und zum Wasser überhaupt, das mit Flüssen und Seen und schließlich dem Marschland zum Golf von Mexico nur schwer vom Festland unterschieden werden kann.

James Lee Burke ist in der Tat ein Großmeister des Thrillers. Zumindest hat er 2009 den Großmeister-Preis der Mystery Writers of America erhalten. „The Glass Rainbow“ stammt aus der Reihe um Dave Robicheaux und seinem Sidekick Clete Purcel. Diesmal geht es um zwei sadistische getötete Mädchen und seine Adoptivtochter Alafair, die an ihrem ersten Roman arbeitet und einen bekannten Autor aus einer alten und einflussreichen Familie in Louisiana dated. Während die Roman-Reihe normalerweise übernatürliche Elemente enthält, so ist davon in „The Glass Rainbow“ nur wenig zu lesen.

Das Buch macht Spaß, ist gut geschrieben und besonders die dichte Atmosphäre im Süden Louisianas bleibt in Erinnerung. Auch sprachlich ist es mehr als leichte Unterhaltung, die hier geboten wird. Nur leider fällt der Plot gegenüber dem begeisternden Setting und den interessanten Figuren doch etwas zurück. Zu lange mäandert die Nachforschung ohne Fortschritt herum. Der mehr Action geladene zweite Teil des Buches kommt überraschend, aber auch wie eine kleine Erlösung. Aber leider ist es nach all den Ermittlungen zum Schluss ein Deus-Ex-Machina, der die Ermittlung voran bringt und Dave just im allerletzten Moment endlich einfallen lässt, was er schon längst auf einem Beweisvideo gesehen hatte, aber all die Zeit nicht einordnen konnte. Das lässt am Ende ein wenig Enttäuschung in diesem sonst guten Whodunnit-Krimi zurück. Trotzdem eine Leseempfehlung.

Unter die Haut – literarische Tattoos

Unter die Haut – literarische Tattoos

„Ein Bild sagt mehr als tausende Worte“ wird gerne gesagt. Gerade wenn es um Tattoos geht, liegt ein Bild auch auf der Hand, bzw. unter der Haut. Aber wer schreibt oder liest, vielleicht sogar beides und noch dazu viel, der denkt vielleicht auch über eine Alternative nach. Und es gibt großartige literarische Tattoos, Zitate, Worte oder auch Bilder, die von Geschriebenem inspiriert sind.

Gerade weil es bei mir in den letzten Monaten sehr ruhig (=scheintot) gewesen ist, geht es heute mit etwas sehr Eindrücklichem weiter. Das Baby schläft inzwischen regelmäßig, eine neue Routine ist am Entstehen. Das scheint mir der passende Zeitpunkt zu sein, um über Worte auf, in und unter der Haut nachzudenken. Es muss ja nicht unbedingt der Name der Ehefrau auf der Brust oder die Namen der Kinder auf den Unterarmen sein, wie es in meiner derzeitigen, brasilianischen Heimat gerne getan wird. Es muss auch nicht so zerstörerisch vor sich gehen, wie in Kafkas Strafkolonie.

Stattdessen ein Mahnmal bzw. eine Erinnerung: „create“ zum Beispiel. Das beeindruckende Foto stammt von Kyrelimit und ist auf devianart.com zu finden. Mehr hier: 40 Cool Literary Tattoos. 50 Incredible Tattoos inspired by books. Oder: The Word made flesh. Und noch viele mehr.

Auch schön: „still I rise“

StillIRise

Dieser Post ist als Ankündigung zu verstehen, dass es jetzt weiter gehen wird. Informationen zu dem, was bereits im Entstehen ist, was in den nächsten Monaten kommen wird oder bereits Probe gelesen wurde. Denn trotz der vorübergehenden Stille war ich nicht untätig.

Andy Weir „The Martian“ – Ingenieurs-Porn vom Feinsten und ein sensationeller Selfpublisher-Erfolg

Andy Weir „The Martian“ – Ingenieurs-Porn vom Feinsten und ein sensationeller Selfpublisher-Erfolg

Ich bin kein großer Freund von Science Fiction, darum ist es vielleicht verwunderlich, dass ich ausgerechnet Andy Weir, die Autoren-Entdeckung des Jahres 2014 für Science Fiction und seinen Debütroman „The Martian“ („Der Marsianer“) gelesen habe. Und wie so viele bin ich der Empfehlung von Fefe gefolgt. Skeptisch zwar, denn seinen Filmempfehlungen kann man nur trauen, wenn es um politische Dokumentationen geht, der Rest sind eher action-lastige Blockbuster, die mich gar nicht interessieren. Aber ich wollte wissen, was er wohl für Bücher liest. Wie sich herausstellt: Ingineurs-Porn.

Das Setting von „The Martian“ ist schnell erzählt: aufgrund eines Unfalls wird einer der Astronauten einer Mars-Mission auf dem Planeten zurück gelassen und kämpft nun dort mit den ihm zur Verfügung stehenden, sehr begrenzten Ressourcen ums Überleben. Immer wieder gibt es neue Aufgaben, Probleme und Herausforderungen, die er mit viel Geschick, Intelligenz und ein wenig Glück lösen kann, um so lange wie möglich zu überlegen. Daraus entwickelt sich ein langer und zumindest teilweise auch spannender Überlebenskampf.

Damit ist dann auch die Story weitgehend erzählt. Denn The Maritan ist Ingenieurs-Porn vom Feinsten. Man kann viel lernen, wie ein Wohnzelt auf dem Mars konstruiert sein müsste, wie die Mars-Rover aussehen und funktionieren, wie man in einer lebensfeindlichen Umgebung und ohne Kontakt zur Erde überleben kann. Wie man aus Raketentreibstoff Wasser und aus Urin Raketentreibstoff herstellen kann, um solche Dinge geht es in dem Roman und sie werden vom Autoren mit großer Kenntnis und im Detail beschrieben. Der Rest ist Nebensache. Und obwohl mich das Buch absolut in seinen Bann gezogen hat – es passiert mir nur selten, dass ich ein Buch nicht aus der Hand legen kann – so war ich am Ende doch genervt. Denn eine Figurenentwicklung gibt es fast überhaupt nicht. Und die Probleme werden irgendwann auch vorhersehbar und es ist klar, dass wieder etwas passieren wird. Wie genau der Marsianer Mark Witney überlebt, hat mich dann trotz meiner Nerd-Vergangenheit nur noch am Rande interessiert.

Das Buch wurde vom Andy Weir 2011 als Selfpublisher veröffentlicht, weil alle seine früheren Bücher von Agenturen abgelehnt wurden. Es erschien kapitelweise und kostenlos auf seiner Homepage. Erst auf Wunsch seiner Leser machte er eine eBook-Version auf Amazon für 99 Cent verfügbar, die innerhalb von 3 Monaten mehr als 30.000 Mal verkauft wurde – und damit häufiger als der Text auf seiner Webseite gelesen worden war. Anfang 2013 verkaufte er die Audiobook-Rechte und etwas später die Print-Rechte für einen sechsstelligen Betrag an einen Verlag. Das Buch hat es in die NY-Times Bestseller-Liste geschafft und wird derzeit verfilmt, mit Ridley Scott als Regisseur und Matt Damon in der Hauptrolle. Eine beeindruckende Selfpublisher-Erfolgsgeschichte.

Zoe Beck „Das alte Kind“ – Mutter sucht Tochter und umgekehrt

Zoe Beck „Das alte Kind“ – Mutter sucht Tochter und umgekehrt

Zoë Becks 2010 erschiener Krimi/Thriller ist eines jener Bücher, das ich mehrfach beinah aus der Hand gelegt hätte, weil sich der Anfang arg lang zieht, bevor es in der zweiten Hälfte deutlich an Fahrt gewinnt und schließlich sogar noch einen beeindruckenden Endspurt hinlegt. Den langatmigen Anfang des Buches kann das Ende aber doch ausgleichen.

Zwei Geschichten werden hier parallel erzählt, eine spielt im Berlin der 80er Jahre, die andere im Edinburgh der Gegenwart. In Berlin wird eine Galeristin für einige Tage ins Krankenhaus eingeliefert und für diese Zeit von ihrem Baby getrennt. Als sie es wieder bekommt, behauptet sie steif und fest, dass es sich nicht um ihr Baby handelt. Aber sie kann ihre Umwelt davon nicht überzeugen, selbst ihren Mann nicht. Ist es der Stress? Die verkorkste Beziehung zu ihrem Ehemann, dem Starpianisten? Oder besteht sie auf dieser Geschichte, weil sie merkt, das etwas mit ihrem Kind nicht stimmt, und besonders nachdem bei diesem Kind eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird?

In Edinburgh wiederum wacht eine junge Frau in einer Badewanne auf, das sich langsam mit ihrem eigenen Blut rot färbt. Hat sie einen Selbstmordversuch unternommen, ohne sich daran erinnern zu können? Sie schleppt sich ins Krankenhaus, überzeugt dass man versucht hat, sie zu ermorden, aber auch sie kann niemanden von ihrer Geschichte überzeugen. Es ist klar, dass die beiden Erzählstränge schließlich zusammen führen, und so ist das Ende des Plots nicht wirklich überraschend, aber das Wie ist es um so mehr.

Der Stoff des Buches ist durchaus interessant, die Fragen nach Familie und Abstammung, und nach der besonderen Verbindung zwischen Mutter und Kind, die leider etwas mystifiziert wird. Aber die Geschichte trägt schwer am langatmigen ersten Teil des Buches, über den auch die mitunter blassen Figuren nicht hinweg helfen. Schon bald ist klar, dass die Mutter Carla auf ihrer Behauptung gegen alle Widerstände beharrt. Der schleichende Zerfall ihrer Beziehung und ihres Lebens wäre ein spannedes Thema für ein Buch, aber das wird nur nebenher betrachtet, immer wieder, und für mich ermüdend, werden die erfolglosen Bemühungen der Mutter beschrieben, doch noch ihr Kind zu finden.

Überhaupt die Figuren. Eine Mutter, die mit einem fremden Kind im Haus aufwächst, allein in dieser Konstellation liegt schon so viel Spannung, die aber leider im Buch gar nicht eingefangen wird. Auch die Beziehung zum etwas einseitig Öffentlichkeits-gesteuerten Ehemann zerfällt nur so nebenher. Lediglich eine neu gefundene Freundin hat bei mir Interesse geweckt, aber auch sie kann die langatmige erste Hälfte des Buchs nicht retten. Auch wenn die meisten Figuren detailreich geschildert werden, sind sie etwas klischeehaft und man erkennt recht schnell, wer der Bösewicht ist.

Die zweite Geschichte in England wird etwas stringenter und interessanter erzählt. Aber auch hier das Problem, dass es eine Geschichte in der Geschichte gibt, die selber stark genug gewesen wäre. Eine WG mit zwei Frauen, die sich beide sehr ähnlich sind, viel zu ähnlich, und das ist kein Zufall, wie man irgendwann merkt. Das ist selbst wiederum eine spannende Geschichte, wird aber auch nur nebenher erzählt und stattdessen der Thriller-Plot voran getrieben.

Würde ich das Buch empfehlen? Eventuell. Wer sich für das Thema interessiert und die Sprache von Zoë Beck mag, der wird die erste Hälfte schnell durchlesen und an der zweiten Hälfte Spaß haben. Ansonsten gibt es bessere Bücher von ihr.

Tl;dr: Zoë Becks „Das alte Kind“ dreht sich um Familie und Abstammung, hat ein spannendes Ende, aber die erste Hälfte ist leider langweilig.

The Fog Of War – „We see what we want to belief“

Schöner Film und eine sehr beeindruckende, erschreckende Dokumentation über Robert McNamara und die großen amerikanischen Kriege im 20. Jahrhundert. Es ist ein fast sympathischer, reflektierter Mensch, der dort zu Word kommt, Wissenschaftler, Ford-Manager und dann Secretary of Defense unter Kennedy sowie LBJ während der Kuba-Krise und des Vietnam-Krieges. Und die Kommentare dieses auch extrem kontroversen Menschen schüren mitunter den Hals zu, auch weil der Film ihn weitgehend unwidersprochen berichten lässt. Es ist ein beeindruckend ruhiger, unaufgeregter Film mit erstaunlichem Original-Ton- und Bild-Material und einem hypnotisierenden Soundtrack von Philip Glass. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass viele der prägenden, politischen Ereignisse des letzten Jahrhunderts das Ergebnis von Zufällen waren. Und dass wir nicht alles wissen und vermutlich auch niemals alles wissen werden. Und das ist vielleicht das größte Verbrechen.

Arne Dahl, „Tiefer Schmerz“ – komplexes Rätselraten auf einer Verbrecherjagd durch Europa

Arne Dahl, „Tiefer Schmerz“ – komplexes Rätselraten auf einer Verbrecherjagd durch Europa

Es ist ein mysteriöser Fall, den sich die Sondereinheit der Polizei in Stockholm darbietet. Im Zoo von Stockholm werden die Überreste eines italienischen Zuhälters aufgefunden, der von Vielfressern fast komplett aufgefressen wurde. Nebenan auf einem jüdischen Friedhof wird ein alter, jüdischer Gehirnforscher ermordet aufgefunden – kopfüber an einem Baum hängend, mit einer Metallnadel in der Schläfe. Dazu gesellen sich bald noch eine Gruppe Prostituierter, die aus dem Land verschwinden und ein nicht minder mysteriöser Mordfall auf dem Bahnsteig einer U-Bahn-Station. Alle diese Ereignisse gehören am Ende zusammen, sie werden zu einer komplexen und spannenden Geschichte verwoben, die nicht nur eine ganze Reihe europäischer Länder umfasst, sondern noch dazu eines seiner dunkelsten Kapitel betrifft. Arne Dahls Roman „Tiefer Schmerz“ (Amazon) ist ein großartiger, komplizierter und humorvoller Krimi, der beim Lesen viel Spaß macht.

Es ist ein klassischer WhoDunnit, den der Autor geschrieben hat, das grausige Verbrechen muss aufgeklärt werden, doch bald auch noch viel mehr. Es geht auch um griechische Mythologie, Nazi-Verbrechen, einen osteuropäischen Prostitutions-Ring, einen italienischen Prositutions-Ring und einen schwedischen Nobelpreiskandidaten. Es ist eine tolle Story, sehr komplex, weitreichend und das führt zu einigen interessanten, moralischen Konstellationen, die nur leider im Roman gar keine Rolle spielen, sondern am Ende nur kurz angerissen werden. Das trifft einen meiner Hauptkritikpunkte an diesem sehr kunstvoll konstruierten Krimi, der mit Humor und in einem Sprachstil geschrieben ist, der auflockert, ohne dabei albern zu wirken. Denn die Geschichte von „Tiefer Schmerz“ ist hochgradig komplex, aber es werden vielversprechende Erzählstränge einfach aufgegeben. Es wird viel verloren, was interessiert. Dazu kommt ein Ungleichgewicht, denn während man am Anfang einiges über die Mitglieder der schwedischen Polizeigruppe erfährt, bleiben diese Personen im Verlauf des Romans blass, sie wurden mir sogar beliebig. Im letzten Teil dieses merkwürdig zweigeteilten Buches hastet dann ein einzelner Ermittler durch Europa, während die Ermittlungsgruppe zu Hause kaum mehr eine Rolle spielt. Dieses Dilemma wurde mit einigen Szenen aufzufangen versucht, die allerdings nicht überzeugen können. Und während so im ersten (und längsten) Teil die Ermittlungen in Schweden eher zäh und mühsam vor sich hin laufen, ohne dass die Figuren das Interesse am Roman aufrecht halten könnten, verschwinden diese Ermittler im letzten Teil des Buches fast komplett. Es wird durch verschiedene Schauplätze und Zeiten in Europa gereist, wie man es auch in einem amerikanischen Agententhriller lesen könnte.

So bleibt bei mir, auch wenn der Krimi teilweise euphorisch besprochen wurde, ein zwiespältiger Leseeindruck zurück. Es ist ganz ohne Zweifel eine atemberaubende Story und wie die verschiedenen Fäden von der griechischen Antike über den zweiten Weltkrieg bis ins Heute hinein erst gesponnen und dann verknüpft werden, das ist meisterlich und macht großen Spaß anzuschauen. Aber die Sprachscherze sind mitunter sehr altbacken und die Figuren nur mäßig interessant. Das Buch schafft es leider nicht, Interesse an der Ermittlungsgruppe zu wecken, die hohl und schematisch bleibt. Und so ist „Tiefer Schmerz“ eine sehr kunstvoll konstruierte, Geschichte, der es leider an gutem Personal mangelt.

TLDR: Arne Dahls „Tiefer Schmerz“ (Amazon) ist ein komplexer und kunstvoller WhoDunnit, meist spannend zu lesen aber leider mit etwas langweiligen Figuren.

Up, up and away: „Ciao Bella“ in den Amazon Top 300

Up, up and away: „Ciao Bella“ in den Amazon Top 300

Wer auf Amazon Bücher anbietet, bekommt dort Zugang zur „Autorenzentrale“, wo man nicht nur sein Amazon-Profil festlegen kann, sondern auch täglich aktualisierte Berichte über den Verkaufsrang seiner Bücher bekommt. Dieser Verkaufsrang sagt zwar nicht direkt etwas über die Anzahl von Downloads aus, aber er gibt einen Hinweis. Die genauen Downloadzahlen bekomme ich mit ein paar Wochen Verspätung von meinem Distributor BooksOnDemand geliefert. Bei Amazon kann man sich den Verkaufsrang auch als Linie anzeigen lassen, von der stark zu hoffen ist, dass sie nie der eigenen Herzfrequenz nahe kommt. Hypertextträume zum Beispiel ist auf Platz 203 der Verkaufscharts eingestiegen, zuckte dann einige Wochen zwischen den Plätzen 200 und 4000 herum um sich dann, von einigen Ausschlägen in die 3000er-Region abgesehen so um den Rang 14.000 herum einzupendeln. Ist das gut? Nö. Ist das schlecht? Nö. Aber für einen kostenlosen Text ohne nennenswerte Werbung von einem Autoren ohne Bekanntheit ist das vermutlich zu erwarten.

„Ciao Bella“ dagegen hat als kostenlose Kurzgeschichte im Februar auf Platz 678 angefangen, fiel von dort langsam und über die Wochen bis auf Platz 9000-Irgendwas, um sich in den letzten drei Tagen aufzuraffen und massiv nach oben zu flattern. Platz 278 sagte meine Autorenzentrale gestern, was nach dieser spannende Statistik zwischen 200 und 300 Downloads täglich bedeutet. Die kleinen Freuden des Self-Publishers liegen in der Statistikinterpretation. Und plötzlich gab es sogar drei neue und allesamt hervorragende Rezensionen von einem – das Wort kommt nicht leicht über die Lippen – Stammleser?

Alles in allem: Hurra! Viel Spaß euch allen. Und bald gibt’s mehr, versprochen.

„Ciao Bella“ gibt’s jetzt kostenlos, gratis, für umme…

„Ciao Bella“ gibt’s jetzt kostenlos, gratis, für umme…

Genau: die Kurzgeschichte „Ciao Bella“ gibt es jetzt kostenlos bei den üblichen verdächtigen, von denen ich hier nur Amazon und iTunes verlinken möchte. Und während ich die Links überprüft habe, habe ich als alter Apple-Verweigerer und Windows-Verächter jetzt erst diese kleine Rezension bei iTunes gefunden. Vielen Dank dafür und für die vier Sterne ebenfalls.

Woanders weranders sein können, von ch.west
Freundschaft, Fussball mediterraner Exzess und die Erkenntnis: Die im Süden haben es drauf, besonders bei Schneeregen in Berlin und glänzenden Analogien zwischen dem Fußball und der Welt der Liebe, kurz vor der aufgehenden Sonne und dem Verlust der Muttersprache. Schöne Short Story.

Und an dieser Stelle noch eine kleine Anmerkung: wer eine Rezension geschrieben hat, kann mich gerne informieren. Ich freue mich dann (abhängig von der Rezension natürlich) und werde versuchen, mich zu bedanken.

 

Bild: „Free Beer“ by Tom MorrisOwn work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.