Gerade gibt es wieder eine Welle schlimmer Nachrichten aus brasilianischen Gefängnissen. Ich wurde gefragt, was denn da los ist, und ob ich ein wenig dazu schreiben könne, was in brasilianischen Gefängnissen los ist. Es ist ein frustrierendes Thema, aber bitteschön.

Vor einigen Tagen kam die Nachricht aus dem hohen Norden von Brasilien, aus Boa Vista, der Hauptstadt des Bundesstaats Roraima. Hier sollen in einer Haftanstalt 18 Häftlinge teils grausam ermordet worden sein und später ca. 100 Angehörige – meist Frauen – von Gefangenen als Geisel genommen worden sein, bevor diese von einer Eliteeinheit der Polizei befreit werden konnten.Nur nebenbei wurde erwähnt, dass bei einer Revolte in einem Gefängnis in Porto Velho im Bundesstaat Rondônia – ebenfalls im Norden von Brasilien – acht weitere Häftlinge starben.

Dann gab es schlechte Nachrichten aus dem Bundesstaat São Paulo. Im Hospital des Gefängnisses von Franco da Rocha war es zu einem Aufstand gekommen, in dessen Verlauf Teile der Gebäude in Brand gesetzt wurden und auch der angrenzende Wald im Staatspark zu brennen begann. Im allgemeinen Chaos konnten 55 Inhaftierte flüchten – von denen bereits 50 wieder gefasst werden konnten.

Was ist da los in den brasilianischen Gefängnissen? Um das zu verstehen, muss man erst einmal alle „deutsche“ Vorstellungen von einem Gefängnis fallen lassen. Brasilien hat eine irrsinnig hohe Anzahl von Gefängnisinsassen, derzeit sollen es mehr als 622.000 sein, wobei die Gefängnisbauten aber nur für deutlich weniger Insassen eingerichtet sind. Und brasilianische Gefängnisse sind die Hölle, viele „normale“ Brasilianer haben gehörige Angst davor, auch nur eine Nacht in einem dieser Löcher zu verbringen. Die hygienischen Verhältnisse gelten als katastrophal, die Räume sind massiv überbelegt und das Ziel eines Gefängnisaufenthaltes ist nicht die Resozialisierung der Inhaftierten, sondern reine Abschreckung.

Manchmal wird behauptet, dass der Staat die Gefängnisse längst aufgegeben habe. Zwar gibt es vermeintlich progressive Versuche, bspw. kann für jedes gelesene Buch die Haftstrafe von Gefangenen um einige Tage reduziert werden, aber hierbei handelt es sich um Ausnahmen. Denn in den meisten Gefängnissen herrscht Korruption und Gewalt, oftmals durch die beiden großen Verbrecherorganisationen des Landes, Comando Vermelho (CV) und Primeiro Comando da Capital (PCC). Die Kriege zwischen diesen Organisationen werden innerhalb und außerhalb der Gefängnisse oft mit abscheulicher Grausamkeit geführt. (Kurzes Video der Euronews von 2014, wobei die Situation seitdem nicht besser geworden ist.) So sind zum Beispiel letzte Woche erst in der Millionenstadt Maceió, Hauptstadt des Bundesstaates Alagoas in Nordosten des Landes, wieder einmal Busse angezündet worden, eine bekannte Art der Kriegsführung dieser Organisationen.

Überbelegung, Korruption, Gewalt, Drogen, Rechtslosigkeit. Und das Schlimmste an diesen Nachrichten ist, dass diese Probleme in brasilianischen Haftanstalten seit Jahrzehnten bekannt sind. Carandiru ist zu einem Synonym dafür geworden – das ehemaligen Gefängnisses in São Paulo Stadt war berüchtigt für Gewalt, Bandenkriminalität, Drogen, Korruption und die Brutalität durch Wärter. 1992 kam es zu einem Aufstand in diesem riesigen Gefängnis, der von Spezialeinheiten der Polizei äußerst brutal niedergeschlagen wurde – weit über 100 Insassen starben damals, viele durch gezielte Gewald der Polizei. Das Massaker von Carandiru wurde verfilmt und beschreibt, auch wenn es ein extremer Fall ist, die Probleme der Gefängnisse in Brasilien, so wie sie auch heute noch existieren.

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Foto von Carol Garcia / AGECOM via flickr.