Das wunderbare an (m)einem Vorrat ungelesener Bücher ist der Überraschungseffekt. Selten kann man ja ganz naiv, ohne das angehäufte Vorwissen und die reiflich gebildeten Vorurteile in eine Geschichte eintauchen. Das fängt schon beim Autoren, dem Regisseur eines Filmes oder bei einem Setting an. Aber ich liebe diese Naivität und die Überraschungen, die sich mitunter daraus ergeben. Ich werde nie vergessen, wie ich die „Truman Show“ an Bord eines Flugzeugs zum ersten Mal sah, mir war die Geschichte komplett unbekannt und es war großartig, wie sich langsam alleine aufgrund der merkwürdigen Kameraeinstellungen das Gefühl einstellte, dass dieser Mann beobachtet wird. Jeder der die Geschichte der Truman Show kennt, wird diesen Effekt nicht mehr spüren, diese leichte Irritation, warum denn wohl gerade so ein merkwürdiger Blickwinkel aus dem Armaturenbrett des Autos gewählt wurde, die schleichende Vorahnung, die dann bestätigt wird. Und um weiter solche Erfahrungen zu machen, habe ich mir inzwischen einen beeindruckend großen Vorrat an ungelesenen Büchern angelegt, auf die ich bei Bedarf zurückgreifen kann. Manchmal ist es die Empfehlung eines Freundes, manchmal eine begeisterte Rezension oder eine Top-10-Liste, die mich verleitet. Zum Glück vergesse ich meistens, warum gerade dieses Buch in meinem Pool schwimmt. Das finde ich herrlich. Ich mag Geschichte am liebsten gut abgehangen.

„The Glass Rainbow“ von James Lee Burke ist so ein Fall, den ich naiv und ohne viel Vorwissen zu lesen begonnen habe. Die Sprachgewalt und die dichte Atmosphäre des Buches macht schnell klar, dass hier kein Anfänger schreibt. Aus der Konstellation der Figuren erahnt man, dass es auch nicht das erste Buch dieser Protagonisten ist. Nein. Es ist sogar bereits der achtzehnte Thriller mit Dave Robicheaux, einem Cajun-Polizist, Ex-Vietnam-Veteran und trockenem Alkoholiker in Acadiana, der Heimat der französischsprachigen Bevölkerung im Süden von Louisiana. Diese Heimat spielt eine zentrale Rolle in „The Glass Rainbow“, die verfallenen Südstaaten mit ihren Bräuchen und sozialen Zerwürfnissen, die Nähe zum Mississippi und zum Wasser überhaupt, das mit Flüssen und Seen und schließlich dem Marschland zum Golf von Mexico nur schwer vom Festland unterschieden werden kann.

James Lee Burke ist in der Tat ein Großmeister des Thrillers. Zumindest hat er 2009 den Großmeister-Preis der Mystery Writers of America erhalten. „The Glass Rainbow“ stammt aus der Reihe um Dave Robicheaux und seinem Sidekick Clete Purcel. Diesmal geht es um zwei sadistische getötete Mädchen und seine Adoptivtochter Alafair, die an ihrem ersten Roman arbeitet und einen bekannten Autor aus einer alten und einflussreichen Familie in Louisiana dated. Während die Roman-Reihe normalerweise übernatürliche Elemente enthält, so ist davon in „The Glass Rainbow“ nur wenig zu lesen.

Das Buch macht Spaß, ist gut geschrieben und besonders die dichte Atmosphäre im Süden Louisianas bleibt in Erinnerung. Auch sprachlich ist es mehr als leichte Unterhaltung, die hier geboten wird. Nur leider fällt der Plot gegenüber dem begeisternden Setting und den interessanten Figuren doch etwas zurück. Zu lange mäandert die Nachforschung ohne Fortschritt herum. Der mehr Action geladene zweite Teil des Buches kommt überraschend, aber auch wie eine kleine Erlösung. Aber leider ist es nach all den Ermittlungen zum Schluss ein Deus-Ex-Machina, der die Ermittlung voran bringt und Dave just im allerletzten Moment endlich einfallen lässt, was er schon längst auf einem Beweisvideo gesehen hatte, aber all die Zeit nicht einordnen konnte. Das lässt am Ende ein wenig Enttäuschung in diesem sonst guten Whodunnit-Krimi zurück. Trotzdem eine Leseempfehlung.