Zoë Becks 2010 erschiener Krimi/Thriller ist eines jener Bücher, das ich mehrfach beinah aus der Hand gelegt hätte, weil sich der Anfang arg lang zieht, bevor es in der zweiten Hälfte deutlich an Fahrt gewinnt und schließlich sogar noch einen beeindruckenden Endspurt hinlegt. Den langatmigen Anfang des Buches kann das Ende aber doch ausgleichen.

Zwei Geschichten werden hier parallel erzählt, eine spielt im Berlin der 80er Jahre, die andere im Edinburgh der Gegenwart. In Berlin wird eine Galeristin für einige Tage ins Krankenhaus eingeliefert und für diese Zeit von ihrem Baby getrennt. Als sie es wieder bekommt, behauptet sie steif und fest, dass es sich nicht um ihr Baby handelt. Aber sie kann ihre Umwelt davon nicht überzeugen, selbst ihren Mann nicht. Ist es der Stress? Die verkorkste Beziehung zu ihrem Ehemann, dem Starpianisten? Oder besteht sie auf dieser Geschichte, weil sie merkt, das etwas mit ihrem Kind nicht stimmt, und besonders nachdem bei diesem Kind eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird?

In Edinburgh wiederum wacht eine junge Frau in einer Badewanne auf, das sich langsam mit ihrem eigenen Blut rot färbt. Hat sie einen Selbstmordversuch unternommen, ohne sich daran erinnern zu können? Sie schleppt sich ins Krankenhaus, überzeugt dass man versucht hat, sie zu ermorden, aber auch sie kann niemanden von ihrer Geschichte überzeugen. Es ist klar, dass die beiden Erzählstränge schließlich zusammen führen, und so ist das Ende des Plots nicht wirklich überraschend, aber das Wie ist es um so mehr.

Der Stoff des Buches ist durchaus interessant, die Fragen nach Familie und Abstammung, und nach der besonderen Verbindung zwischen Mutter und Kind, die leider etwas mystifiziert wird. Aber die Geschichte trägt schwer am langatmigen ersten Teil des Buches, über den auch die mitunter blassen Figuren nicht hinweg helfen. Schon bald ist klar, dass die Mutter Carla auf ihrer Behauptung gegen alle Widerstände beharrt. Der schleichende Zerfall ihrer Beziehung und ihres Lebens wäre ein spannedes Thema für ein Buch, aber das wird nur nebenher betrachtet, immer wieder, und für mich ermüdend, werden die erfolglosen Bemühungen der Mutter beschrieben, doch noch ihr Kind zu finden.

Überhaupt die Figuren. Eine Mutter, die mit einem fremden Kind im Haus aufwächst, allein in dieser Konstellation liegt schon so viel Spannung, die aber leider im Buch gar nicht eingefangen wird. Auch die Beziehung zum etwas einseitig Öffentlichkeits-gesteuerten Ehemann zerfällt nur so nebenher. Lediglich eine neu gefundene Freundin hat bei mir Interesse geweckt, aber auch sie kann die langatmige erste Hälfte des Buchs nicht retten. Auch wenn die meisten Figuren detailreich geschildert werden, sind sie etwas klischeehaft und man erkennt recht schnell, wer der Bösewicht ist.

Die zweite Geschichte in England wird etwas stringenter und interessanter erzählt. Aber auch hier das Problem, dass es eine Geschichte in der Geschichte gibt, die selber stark genug gewesen wäre. Eine WG mit zwei Frauen, die sich beide sehr ähnlich sind, viel zu ähnlich, und das ist kein Zufall, wie man irgendwann merkt. Das ist selbst wiederum eine spannende Geschichte, wird aber auch nur nebenher erzählt und stattdessen der Thriller-Plot voran getrieben.

Würde ich das Buch empfehlen? Eventuell. Wer sich für das Thema interessiert und die Sprache von Zoë Beck mag, der wird die erste Hälfte schnell durchlesen und an der zweiten Hälfte Spaß haben. Ansonsten gibt es bessere Bücher von ihr.

Tl;dr: Zoë Becks „Das alte Kind“ dreht sich um Familie und Abstammung, hat ein spannendes Ende, aber die erste Hälfte ist leider langweilig.