Es ist ein mysteriöser Fall, den sich die Sondereinheit der Polizei in Stockholm darbietet. Im Zoo von Stockholm werden die Überreste eines italienischen Zuhälters aufgefunden, der von Vielfressern fast komplett aufgefressen wurde. Nebenan auf einem jüdischen Friedhof wird ein alter, jüdischer Gehirnforscher ermordet aufgefunden – kopfüber an einem Baum hängend, mit einer Metallnadel in der Schläfe. Dazu gesellen sich bald noch eine Gruppe Prostituierter, die aus dem Land verschwinden und ein nicht minder mysteriöser Mordfall auf dem Bahnsteig einer U-Bahn-Station. Alle diese Ereignisse gehören am Ende zusammen, sie werden zu einer komplexen und spannenden Geschichte verwoben, die nicht nur eine ganze Reihe europäischer Länder umfasst, sondern noch dazu eines seiner dunkelsten Kapitel betrifft. Arne Dahls Roman „Tiefer Schmerz“ (Amazon) ist ein großartiger, komplizierter und humorvoller Krimi, der beim Lesen viel Spaß macht.

Es ist ein klassischer WhoDunnit, den der Autor geschrieben hat, das grausige Verbrechen muss aufgeklärt werden, doch bald auch noch viel mehr. Es geht auch um griechische Mythologie, Nazi-Verbrechen, einen osteuropäischen Prostitutions-Ring, einen italienischen Prositutions-Ring und einen schwedischen Nobelpreiskandidaten. Es ist eine tolle Story, sehr komplex, weitreichend und das führt zu einigen interessanten, moralischen Konstellationen, die nur leider im Roman gar keine Rolle spielen, sondern am Ende nur kurz angerissen werden. Das trifft einen meiner Hauptkritikpunkte an diesem sehr kunstvoll konstruierten Krimi, der mit Humor und in einem Sprachstil geschrieben ist, der auflockert, ohne dabei albern zu wirken. Denn die Geschichte von „Tiefer Schmerz“ ist hochgradig komplex, aber es werden vielversprechende Erzählstränge einfach aufgegeben. Es wird viel verloren, was interessiert. Dazu kommt ein Ungleichgewicht, denn während man am Anfang einiges über die Mitglieder der schwedischen Polizeigruppe erfährt, bleiben diese Personen im Verlauf des Romans blass, sie wurden mir sogar beliebig. Im letzten Teil dieses merkwürdig zweigeteilten Buches hastet dann ein einzelner Ermittler durch Europa, während die Ermittlungsgruppe zu Hause kaum mehr eine Rolle spielt. Dieses Dilemma wurde mit einigen Szenen aufzufangen versucht, die allerdings nicht überzeugen können. Und während so im ersten (und längsten) Teil die Ermittlungen in Schweden eher zäh und mühsam vor sich hin laufen, ohne dass die Figuren das Interesse am Roman aufrecht halten könnten, verschwinden diese Ermittler im letzten Teil des Buches fast komplett. Es wird durch verschiedene Schauplätze und Zeiten in Europa gereist, wie man es auch in einem amerikanischen Agententhriller lesen könnte.

So bleibt bei mir, auch wenn der Krimi teilweise euphorisch besprochen wurde, ein zwiespältiger Leseeindruck zurück. Es ist ganz ohne Zweifel eine atemberaubende Story und wie die verschiedenen Fäden von der griechischen Antike über den zweiten Weltkrieg bis ins Heute hinein erst gesponnen und dann verknüpft werden, das ist meisterlich und macht großen Spaß anzuschauen. Aber die Sprachscherze sind mitunter sehr altbacken und die Figuren nur mäßig interessant. Das Buch schafft es leider nicht, Interesse an der Ermittlungsgruppe zu wecken, die hohl und schematisch bleibt. Und so ist „Tiefer Schmerz“ eine sehr kunstvoll konstruierte, Geschichte, der es leider an gutem Personal mangelt.

TLDR: Arne Dahls „Tiefer Schmerz“ (Amazon) ist ein komplexer und kunstvoller WhoDunnit, meist spannend zu lesen aber leider mit etwas langweiligen Figuren.