Es ist ein trauriges Leben, das Toto, die Hermaphroditin und Hauptfigur von Sibylle Bergs Roman „Vielen Dank für das Leben“ (Link zu Amazon) durchlebt, „die wie ein Geschenk an die Welt war, das keiner haben wollte.“ Geboren mit einer wunderbaren Stimme und einen Geschlecht zwischen Mann und Frau im Osten Deutschlands lebt Toto als ambitions- und willensloses Wesen, das auf die ständigen Zurückweisungen erst mit innerlichem Rückzug und dann mit übernatürlichem Gleichmut reagiert. Das Leben, das ihn/sie niemals so recht wollte und mit dem Toto nichts so recht anzufangen weiß, führt ihn/sie durch einige Zufälle erst in den Westen und durch die politischen und sozialen Entwicklungen der letzten dreißig Jahre und endet in einer Dystopie, die leider nicht weit genug von unserer aktuellen Lebenswelt entfernt ist.

Sybille Berg schreibt mit Lust am Düstren, mit Spaß an der Zerstörung dieses Menschen und hin und wieder mit sehr trockenem Humor. „Bald würde sie ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft sein, denn sie hatte einen Termin bei der Berufsberatung.“ Ein Mitglied der Gesellschaft aber wird Toto nicht, denn da sind zu viele Menschen, die dem/der in allen Belangen undefinierbaren Menschen mit größter Abscheu begegnen und sich dabei sogar im Recht fühlen. Diese riesige und leider auch unglaubwürdige und gegen Ende abgenutzte Abneigung bis hin zum Hass mit dem Wunsch, dieses Wesen zu zerstören schlägt Toto quer durch alle sozialen Schichten und Situationen entgegen. Erst zum Ende verliert die Geschichte Toto ein wenig aus den Augen und konzentriert sich etwas mehr auf eine durch und durch dystopische Vision der Welt, in der die Hauptfigur natürlich mit nicht weniger Verachtung und Abneigung behandelt wird.

„Vielen Dank für das Leben“ habe ich gern gelesen, auch wenn mich einiges an dem Buch gestört hat. Es wirkt unfertig, hätte zugespitzt werden können. Die Hauptfigur ist durchaus sympathisch aber unglaubwürdig, denn man ist sie autistischer Mensch, dann wieder hat sie ganz unverhofft soziale Fähigkeiten, von denen unklar ist, woher sie kommen und warum sie diese zwanzig Seiten später wieder verloren hat. Auch die ständige Abneigung, die Toto entgegen schlägt, wird zwar immer wieder schön in den psychologischen Systemen der Figuren beschrieben, aber wie sich all diese zutiefst frustrierten Menschen an der Herabwürdigung eines hilflosen Menschen erfreuen, das wird auf Dauer unglaubwürdig und ermüdend. Interessant darauf war allenfalls meine Reaktion, wie ich mir beim Lesen mehr und mehr wünschte, dass diesem Menschen doch endlich einmal etwas Gutes passiert, wenigstens ein Mensch freundlich ist, jenseits aller Walt-Disney-Happy-Ends wenigstens ein klein wenig Gutes passiert.

Was ist dieses Buch für mich? Ein interessantes Experiment, denn die Hauptfigur ist das Gegenteil von dem, was in vielen Schreibratgebern über Protagonisten gelehrt wird. Aktiv soll der Protagonist sein, begehrend, der Leser muss spüren, dass der Protagonist etwas will, und am besten auch was. Das läuft hier ins Leere, denn Toto will nichts. Und die Geschichte funktioniert trotzdem. Es ist das Psychogramm eines „Menschen ohne Eigenschaften“ in dieser Welt voller unzufriedenen Menschen. Und es ist die bittere Feststellung, dass in dieser Welt, die unseren so sehr ähnelt, Empathie unwichtig ist. Das führt dann dazu, dass ein großes Talent nicht erkannt, vielleicht sogar vergeudet wird.

Ein bitteres Buch, das keine Hoffnung macht, und das vielleicht sogar zurecht. Insgesamt lesenswert, weniger wegen Story und Sprache, mehr für die wunderbaren Sätze, die Sibylle Berg immer wieder darin versteckt hat. Ein Beispiel? „Sie hatte überdies in den vergangenen zwei Jahren drei Jugendliche aus dem Osten gerettet, die hetzt alle ein freies Leben führten, bis auf zwei, die drogenabhängig geworden waren, und einen, der sich umgebracht hatte.“