tl;dr: Plot wenig originell und mit ein paar logischen Fehlern. Die Figuren sind flach und nervend. Sprache ist sehr einfach und der Schreibstil voller Schachtelsätze und Füllwörter. Insgesamt nervend. Nach 40% habe ich das Buch nur noch überflogen, was aber für die Story ausreicht.

Es sollte mal wieder ein Ausflug zu den Selfpublishern werden, und mir stand der Sinn nach einem Krimi oder einem Thriller. Also habe ich mich (großer Fehler) auf die Bewertungen auf Amazon verlassen und bin einer Empfehlung gefolgt und so bei „Inselfluch“ von Kerstin Michelsen gelandet, eine Lektüre die leider geeignet ist, das größte Klischee über Selfpublisher zu bestätigen, nämlich dass kein Wert auf Inhalt und Lektorat gelegt wird, solange das Cover gut aussieht.

Das Setting für diesen Thriller ist eigentlich gut gewählt: eine einsame, schwedische Insel, eine zusammengewürfelte Gruppe und ein einsames Haus – das riecht nach gutem Thriller-Material, auch wenn es nicht unbedingt originell ist. Aber leider fangen zwei Dinge wirklich schnell zu nerven an. Das ist zum einen der Sprachstil und zum anderen die flachen Charaktere ohne Entwicklung. Hinzu kommen noch ein paar logische Fehler und eine insgesamt sehr vorhersehbare Entwicklung der Geschichte, was insgesamt ein frustrierendes Leseerlebnis ergibt. Hier eine unvollständige Liste der Enttäuschungen.

Flache Figuren: Der traumatisierte Protagonist mit Alkoholproblemen leidet penetrant vor sich. Er wird dann (natürlich) vom klischeehaft süßen, lieben und ganz unerklärlich zu ihm hingezogenen kleinen Mädchen gerettet. Dann ist da noch eine groß-busige Schwester, die ständige knappe Bikinis und hautenge Kleidung trägt was – Überraschung – zu Sex mit einer anderen Figur führt. Die Hintergründe und Motive der Figuren bleiben unklar oder banal.

Sprache: Hauptsächlich einfache, kurze Sätze, in denen es aber von Füllwörtern wimmelt, machen das Lesen zu einer Qual. Längere Sätze sind häufig Schachtelsätze und hätten mit etwas Aufwand entwirrt und deutlich verkürzt werden können. Auch sprachlich wird viel mit Klischees und falschen Sprachbildern operiert (da verlassen bspw. zwei Männer „fluchtartig“ eine Hütte, obwohl sie sich mühsam durch ein kleines Fenster zwängen müssen).

Unnötige Kommentierungen: Gezeigtes wird noch kommentiert: Als einer der Männer versucht ein vertrauliches Männergespräch mit dem Protagonisten zu beginnen, ignoriert er dies. Zusätzlich kommentiert die Autorin das Geschehen dann noch mit den Worten „sagt Sebastian kalt und ignoriert den Versuch eines vertraulichen Männergesprächs“. Das bereits gezeigte (und gesagte) wird noch einmal erklärt, vermutlich weil dem eigenen Text nicht vertraut wird. Außerdem werden ständig Dinge behauptet, aber nicht gezeigt. „Andreas macht sich lustlos auf den Weg“ wird erst anschaulich, wenn es an der Handlung des Charakters gezeigt wird, statt einfach behauptet zu werden

Noch schlimmer allerdings ist, dass die Spannung im Text nicht langsam aufgebaut, sondern unvermittelt und viel zu kurz dargestellt wird: ein Schatten vor dem Fenster und ein paar knarrenden Dielen lassen noch kein Gefühl von Bedrohung und Spannung entstehen.

Und dann sind da noch die Logikfehler: Das kleine Kind erkundigt sich nach ein bis zwei Tagen zum ersten Mal nach dem Verschwinden von Vater und Mutter – das ist wenig glaubwürdig. Schlichtweg fehlerhaft aber ist es, wenn der Protagonist mit blutverschmierten Händen, Hemd und Hose ankommt, die anderen aber seine blutverschmierte Bekleidung gar nicht bemerken und ganz normal handeln. Und dann wird am nächsten Morgen doch noch Kleidung von den großen Blutflecken gereinigt.

Laut Impressum ist das Manuskript durch ein Korrektorat gegangen, was man dem Buch leider nicht anmerkt. Insgesamt wirkt es wenig professionell und enttäuscht auf allen Ebenen.